Kinderheim

Ehemaliges Kinderheim in Bentlage

Beinahe hätte es ein „Bad Rheine“ gegeben

Badekuren in Bentlage: Wie die Menschen in Rheine die Sole nutzten

29. Januar 2024: MV-Artikel vom 27.01.2024

Rheine feiert am Sonntag die Eröffnung des Kombibades „Aqua Reni“. Eine der Attraktionen dabei: ein Sole-Außenbecken. Doch wer glaubt, er könne sich dort in echter Sole aus Bentlage entspannen, der irrt. Echte Sole gab es früher in Rheine -Bentlage. Die Eröffnung des „Aqua Reni“ ist Anlass, einen Blick zurück auf den „Kurort“ Bentlage zu werfen. Von Angelika Pries

RHEINE. „Die Saline Gottesgabe will aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen. Überall regen sich fleißige Hände, die daran arbeiten, unser gutes, altes Solbad, das so viele schon durch seine wirkkräftige Sole verjüngen half, nun selbst zu verjüngen.“ So hieß es ganz optimistisch am 20. April 1949 im „Neuen Westfälischen Kurier“. Wobei keine böse Fee für die Störung des Badebetriebs verantwortlich gewesen war, sondern Naturgewalten. Ein Wirbelsturm hatte 1940 das Gradierwerk im mittleren Teil umgerissen, das Hochwasser von 1946 überschwemmte das Gebiet und ließ den Förderschacht absaufen. Ein Bombenangriff 1944 und die Plünderungen der englischen Soldaten taten ihr Übriges. Nur dem unermüdlichen Einsatz des Salinenverwalters Heinrich Stockmann war es zu verdanken, dass der Betrieb der Saline überhaupt nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Gang kam.

Aber zunächst zurück zu den Anfängen: Die Saline in Bentlage war aus verschiedenen Gründen etwa ab 1870 nicht mehr wirtschaftlich erfolgreich. Der Salzpreis blieb dem freien Markt überlassen, die Produktivität des kleinen Betriebes ließ zu wünschen übrig. Das stellte schon Alfred Winckler, der Vater des Heimatdichters, fest, der von 1877 bis 1886 den Posten des Salinendirektors innehatte. Sehr schnell ermittelte er die hohe Qualität der Mutterlauge und machte sich in einem ausführlichen Gutachten Gedanken um die Einrichtung eines Kurbetriebs.

Der örtliche Arzt Dr. Niemann bestärkte ihn dabei. Vor allem bei Hautkrankheiten und rheumatischen Beschwerden versprachen Solebäder Linderung. Ob Winckler selbst dann andere Schwerpunkte setzte, ob der Salinenvorstand in Münster ihn ausbremste, auf jeden Fall kam die Nutzung der Sole zu Gesundheitszwecken erst unter seinem Nachfolger König (+1892) zögerlich in Gang.

1892 wurde ein erfahrener Fachmann Salineninspektor, der aus einer „Erbsälzerfamilie“ aus Bad Westerkotten stammende Ferdinand Jesse. Er bewegte den Salinenvorstand zum Ausbau der Badezellen, jetzt auch „Erster Klasse“. Eine Pendelkutsche vom Bahnhof, ein Restaurant und ein Musikpavillon erhöhten die Attraktivität. Die Zahl der verabreichten Anwendungen stieg, doch übernachten konnte man in Bentlage nicht.

Die Investitionsbereitschaft der Salinenbesitzer in Münster war gleich null. So gründete schließlich im Jahre 1900 eine Gruppe von Rheiner Fabrikanten die „Gottesgabe Aktiengesellschaft“ und übernahm den kränkelnden Betrieb. Unter wesentlicher Beteiligung von Ferdinand Jesse baute man ein Kurhaus und ein Kinderkurheim.

Doch musste der Stadthistoriker Anton Führer im Rückblick von der Eröffnung des Kurhauses später notieren: „Es war der schönste oder vielleicht der einzig schöne Tag in der Geschichte der A. G.“ Schon dass man beim Spazieren im Bentlager Wald eine Genehmigung des Fürsten von Rheina-Wolbeck bei sich führen musste, löste vermutlich bei den Gästen Kopfschütteln aus. Die Entfernung von einem Ort mit einigen Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten und wechselnde Pächter der Restauration machten die Sache nicht besser. Schließlich verhinderte die Katastrophe des Ersten Weltkriegs endgültig, dass wir heute in „Bad Rheine“ leben. Das Kurhaus wurde Lazarett, das Gebäude 1917 an den Orden der Clemensschwestern verkauft, der das Haus als Gertrudenstift weiterführte. Nach Abriss und Neubau findet sich dort seit 2005 ein modernes kirchliches Bildungshaus.

Dabei war der von einem Trägerverein gegründete Kinderkurbetrieb im Gebäude der heutigen Josef-Pieper-Schule wirtschaftlich erfolgreich. Von 1910 an wurden bis zu 1400 Kinder jährlich aus ganz Westfalen im Sommer für sechs Wochen zur Erholung nach Bentlage geschickt. 1923 holte die Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins, „Frau Kommerzienrat Alfred Kümpers“, persönlich eine Gruppe von Kindern aus Bottrop ab. Diese Kuren wurden bis 1939 fortgesetzt.

Doch nicht allen Kindern gefiel es. In den städtischen Akten hat sich ein abgefangener Brief eines unbekannten Jungen an seine Eltern erhalten, der wenig schmeichelhaft klingt. Er berichtete über seine kleine Schwester: „Annemarie hat heute was verbrochen, den (!) sie hat gesagt, daß die Juden den lieben Gott ans Kreuz geschlagen hätten. Deshalb muß sie auf dem Tagesraum allein essen und hat ganz heftige Schläge und Schimpfe von Schwester Oberin bekommen.“ Über das Essen heißt es dann weiter: „Wir bekommen immer denselben Tapetenkleister.“ Kein Wunder, dass dieser Brief nicht durch die Zensur der Schwester Oberin kam.

„Großes Gottesgeschenk“ oder „Friedhof verlorenen Kapitals“ – die Diskussion nach 1945: Für den Betrieb der Saline war seit 1923 die Stadt Rheine zuständig, die von der Aktiengesellschaft günstig einen wertvollen Besitz, aber auch eine große Verantwortung übernommen hatte. Technische Probleme und Überalterung der Gebäude machten den Befürwortern des Erhalts oder sogar des Ausbaus des Solbads trotz des optimistischen Anfangs von 1949 in der Folgezeit schwer zu schaffen.

In den 1950er Jahren wurde deshalb über die Zukunft des Solbades im Rat und in Leserbriefen heftig gestritten. Die Überlegungen reichten von der Idee des Baus eines Solefreibades bis hin zu Abrissüberlegungen aller Gebäude an der Saline. Der eine sah das „große Gottesgeschenk einer heilkräftigen Solequelle“ (Leserbrief H. O., vermutlich der Apotheker Hajo Ostermann), die anderen betonten die Notwendigkeit großer Investitionen angesichts von „Toiletten, die an das Jahr 1850 erinnern“ (Stellungnahme der Ärzte, 1957). Ratsherr Joseph Theil formulierte in seiner direkten Art, die Saline sei doch nur ein „Friedhof verlorenen Kapitals.“

Der finanzielle Druck war in der Zeit des Wiederaufbaus für die Stadt groß. Nur ein rühriger Förderverein unter Hajo Ostermann ermöglichte 1959 die Fortsetzung der Badekuren. Es fanden sich hinreichend Sachspender für eine „Solbad-Lotterie“. Den ersten Hauptpreis, einen Lloyd 600, gewann die Ehefrau eines Milchkontrolleurs, der fortan seine Touren zwischen den Höfen nicht mehr mit dem Moped machen musste. Doch von den 400 000 gedruckten Losen wurden nur etwa 120 000 verkauft. Das reichte gerade, um eine Leitung von Hummeldorf nach Bentlage zu bauen. Dort hatte man bei einer Erdölbohrung zufällig eine Lage mit Steinsalz gefunden, die man ausspülen und anstatt der versiegenden Quellen in der „Gottesgabe“ nutzen konnte. Aber die Lösung war nicht von Dauer. Das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld verbot wegen der Gefahr von Bergschäden die weitere Aussolung, und so wurde nach 87 Jahren im Oktober 1975 zum letzten Mal eine Wanne mit Sole gefüllt.

In der Vorstellung des Hallenbades an der Hemelter Straße hieß es seit 2000: „Schwimmen Sie im salzarmen und hautfreundlichen Solewasser.“ Klar, dachten die Besucher, schließlich haben wir Bentlage. Aber die Quelle, aus der sich die Sole für die 0,4 Prozent Salzanteil im Schwimmbad speiste, liegt in Sülbeck an der Leine und wird mit Tankwagen herangeschafft. Das wird sich auch im neuen Solebecken mit seiner vierprozentigen Sole nicht ändern, denn es gibt keine Leitung von Bentlage zur Stadt. Und ein eigener Tankwagen rechnet sich für die Stadtwerke nicht.

Als Enkel und Urenkel der Erfinder des „Solebads Gottesgabe“ bekommen wir heute mit dem Kombibad zwar kein Kurangebot aus Rheine, aber die Entspannung in warmer Sole ist nun auch in Rheine möglich.

Quellen: Information Volker Nöring (Stadtwerke); Münsterländische Volkszeitung; Clara Stockmann, Antonius Stockmann: Die Geschichte der Saline Gottesgabe (1993); Angelika Pries: Aufsätze über Alfred Winckler und Ferdinand Jesse in: Saline Gottesgabe in Rheine (2023); Stadtarchiv

 

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Hier folgt der Beitrag aus der MV vom 27.01.2024. Wenn Sie auf den Beitrag klicken, sehen Sie das zugehörige PDF-Dokument. (Quelle: Münsterländische Volkszeitung, Altmeppen Verlag GmbH & Co. KG, alle Rechte vorbehalten)

 

 

Foto: Ulrich Wozniak

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